Eigentlich bin ich kein großer Fan dieser ganzen MegaDrive-gegen-SNES-Erzählung. Beide Konsolen haben großartige Spiele hervorgebracht – das MegaDrive hatte mehr Power, das SNES mehr Farben, Grafiktricks und besseren Sound. Viele Spiele für beide Plattformen beweisen aber, dass die künstlerischen Aspekte wichtiger sind als die rohen Specs. Dass das MegaDrive heute noch als cooler und erwachsener beschrieben wird, zeigt auch nur, dass die Werbestrategie von damals funktioniert hat. Mit mehr als 30 Jahren zeitlichem Abstand wirkt es ziemlich albern, sich hinter eine der beiden Multimillionen-Dollar-Firmen zu stellen und mit der Faust schwingend auf die andere zu schimpfen.
Ich war ein Nintendo-Kind und hielt das Super Nintendo natürlich für überlegen. Trotzdem habe ich bei meinen Nachbarn rumgehangen, um Sonic, QuackShot und Konsorten zu spielen – gute Spiele sind gute Spiele. In der Diskussion um die Hoheitschaft dieser Konsolengeneration wurden und werden immer wieder die Disney-Spiele der Zeit als Beweis für Segas Überlegenheit herangezogen. Vor allem Aladdin, denn die MegaDrive-Version sah irgendwie besser aus und wirkte dadurch näher am Film. „Da haben echte Disney-Animatoren dran gearbeitet“, war ein beliebtes und valides Argument. Ich liebe die SNES-Variante und habe das MegaDrive-Spiel nie gespielt. Wie geil muss das denn dann sein, wenn es noch besser sein soll? Also habe ich das nachgeholt.
Und jetzt sitze ich hier ein wenig enttäuscht, denn ich finde Aladdin auf dem MegaDrive ziemlich mid. Kein schlechtes Spiel, aber auch nicht so genial, wie es immer verkauft wird. Optisch ist es haushoch überlegen, aber spielerisch – finde ich – ist das SNES-Aladdin das bessere Spiel.


Beides sind für diese Zeit – also so um 1993 – typische Plattformer. Während das SNES-Aladdin aus dem Hause Capcom auf lineare Level und parkourartiges Platforming setzt, sind die Level auf dem MegaDrive verworrener und Kampfaction steht bei Segas Auftragsarbeit an Virgin Interactive im Fokus. Auf dem SNES hüpft man den Gegnern auf die Rübe, wirft sie mit Äpfeln ab, hängt an Kanten, schwingt an Stangen und fliegt mit einem Tuch. Auch auf dem MegaDrive wird mit Äpfeln geworfen, das Platforming ist schlichter, aber dafür hat man ein Schwert. Erinnert ihr euch nicht mehr daran, wie Aladdin im Film mit dem Schwert Palastwachen umgebracht hat? Nee, ich auch nicht. Gefühlt wurde hier einfach ein Schwert eingebaut, weil’s cool ist und ansonsten anscheinend die Gameplay-Ideen fehlten.
Leider sind das Platforming und die Kämpfe im MegaDrive-Titel nicht so überragend. Die Steuerung ist ein wenig schwammig und die Hit Detection ist nicht sehr präzise. Dann muss man supernah an die Gegner ran, um sie mit dem Schwert zu treffen – das ist einfach eine dumme Kombination. Man merkt, dass Capcom zu diesem Zeitpunkt schon jahrelange Erfahrung mit Plattformern hatte und sein Handwerk beherrschte, denn auf dem SNES steuert, springt und trifft es sich sehr präzise und befriedigend. Mit den Schwing-Moves, dem Abprallen auf Gegnern, der Coyote Time bei Abgründen und dem Tuch kommt hier oft ein echt toller Platforming-Flow zustande. Segas Aladdin spielt sich nicht schlecht – begeistert mich aber nicht.


Natürlich ging es Sega hier mehr um Action und Kampf und Capcom ums Platforming – aber die Action und der Kampf sind halt leider nicht so berühmt. Aladdin kann auf dem MegaDrive nur einen Schwert-Move und den spammt man dann am Gegner, oder man wirft mal Äpfel. In der Kombination entsteht so ein sehr wilder, aggressiver Kampf, bei dem man auch viel einsteckt. Das SNES-Spiel ist dagegen spielerisch ein bisschen gemütlicher, präziser und weniger aufregend.
Leider ist auch das Leveldesign auf dem MegaDrive nicht so brillant. Es gibt zwar immer wieder nette Ecken mit kleinen Ideen, aber man erkennt oft keine Linie, keinen Flow und das Gegner-Placing ist hier und da echt einfach nur gemein. An ein, zwei Stellen dann noch ein Leap of Faith – das ist für mich einfach kein gutes Leveldesign. Hinzu kommt, dass die Kamera Aladdin immer so im Bild haben will, dass die Figur in Blickrichtung etwas weiter voraus schauen kann, was ja grundsätzlich Sinn macht. Die programmierte Routine, die das regelt, schafft das aber oft nur abgehackt und dadurch wirkt das Ganze irgendwie kaputt. Solange es meist nur in eine Richtung geht, ist das kein Problem, aber zum Beispiel im labyrinthartigen Gefängnis-Level empfand ich das als sehr irritierend. Das Leveldesign auf dem SNES ist zwar sehr linear, aber deutlich besser und immer gut lesbar. Die einzusammelnden Diamanten geben Hinweise auf flowige Lines und laden zu Tuchflugversuchen ein. Dazu kommen noch schön inszenierte Momente, wenn man zum Beispiel aus den Gassen der Stadt nach oben gelangt und dort über Agrabah schaut und dann den ikonischen Palast im Hintergrund sieht. Das erzählt sich diegetisch einfach gut.
Bei der Flucht auf dem Teppich spielt das MegaDrive seine Rechenpower aus – die Sequenz scrollt wirklich megaschnell. Aber eigentlich folgt man nur möglichst schnell den Pfeilen, um Felsbrocken auszuweichen. Zwischendrin gibt’s statt Pfeilen auch mal ein Fragezeichen und man muss dann einfach Glück haben oder sich die Reihenfolge merken – das ist ein bisschen cheap. Auf dem SNES ist die Sequenz viel langsamer, kürzer, aber auch ganz hübsch umgesetzt.


In beiden Spielen gibt es, wie es sich für die Zeit gehört, ein paar Bosse. Das Aufgebot ist aber wirklich nicht so dolle. Segas Bosse haben einfachste Patterns und oft reicht es, Schwert oder Äpfel zu spammen. Jafar als ultimativer Endgegner ist zwar aufregender, wird aber trotz Schwert einfach mit Äpfeln beworfen. Auf dem SNES gibt’s im ersten Level einen Schwertkämpfer, den man in fünf Sekunden durchschaut, und danach bis zum Ende gar keinen Boss mehr. Der finale Boss ist mit seinen zwei Phasen und dem grafischen Spektakel aber ganz passabel. Ich finde, mit Ruhm bekleckert sich hier keiner der beiden Titel.


Aber kommen wir mal zu dem, was die MegaDrive-Variante so einzigartig macht: die Präsentation. Und die ist stellenweise wirklich beeindruckend schön. Die Animationen sind fantastisch und es gibt eine große Menge davon. Das Ganze fängt schon nach dem Einschalten beim Sega-Logo an und zieht sich durch das gesamte Spiel. Da wird antizipiert und gesquasht und gestretcht wie im Disney-Lehrbuch. Wenn Aladdin und der Affe Abu nach beendetem Level durchs Bild stolzieren, hat das wirklich Disney-Niveau. Und auch die Gegner machen da mit: Wird ein Gegner nach einem Sprung auf einen Kamelrücken von der unfreiwillig fliegenden Spucke des Kamels getroffen, rutscht schon mal die Hose runter und zeigt uns Herzchenunterwäsche. Das ist wirklich ein Highlight. Es ist schwer in Worte zu fassen, aber die MegaDrive Version ist in Sachen Animation einfach haushoch überlegen – mit Abstand. Dazu kommen viele kleine Easter Eggs in den Leveln: auf die Leine zum Trocknen gehängte Mickey-Ohren oder Klohäuschen für Männer, Frauen und Dschinns.


Das SNES-Spiel sieht solide aus und ist schön gestaltet, wirkt aber nicht wie der Film, sondern eher wie eine Abstraktionsstufe darunter. Aber auch hier gibt’s ein paar coole Effekte, wie den Lavafluss mit viel Parallaxe. Außerdem gibt es auch hier niedliche Animationen, denn der Affe Abu begleitet Aladdin durch die Level und übt sich auch mal im Schattenboxen – aber kein Vergleich zur überlegenen Sega-Animation.


Trotzdem würde ich der Präsentation der MegaDrive-Variante keine volle Punktzahl geben, denn ich finde, das Spiel ist auch sehr nachlässig. Level enden plötzlich einfach mit einem Schnitt ins Schwarze und der Bildschirm mit dem Bonusspiel ist gar nicht animiert. Das macht die SNES-Variante besser: Am Levelende posieren Aladdin und Abu kurz oder die Geschichte wird in Spielgrafik weitererzählt. Die Übergänge funktionieren einfach besser und hier ist der Genie im inhaltlich fast identischen Bonusspiel in ganzer Pracht animiert und zeigt kleine Animationen, je nachdem, welchen Gewinn man abräumt. Der Polish ist hier im gesamten Spiel spürbar, auf dem MegaDrive leider nur in den Animationen.
Und der Polish fehlt der MegaDrive-Variante auch in der Erzählung. Beide Spiele arbeiten mit animierten Zwischensequenzen, die im Grunde Charakterporträts oder Grafiken mit Text kombinieren. Die Zwischensequenzen bei Sega sind hübscher gepixelt, aber besiegt man dann zum Schluss den letzten Boss, gibt es nur ein kurzes Bild vom Mond und einen kurzen Teppichflug. Dann eine schöne Kussanimation zwischen Aladdin und Jasmin. The End. Ja, aber was ist denn mit dem Genie? Irgendwie geht das Spiel sowohl mit dem Schwert als auch mit der Story nicht besonders respektvoll mit dem Ausgangsmaterial um.

Hier ist das Capcom-Spiel auf dem SNES insgesamt meilenweit voraus. Neben den Text-Bild-Zwischensequenzen wird hier zusätzlich viel besser und aufwändiger erzählt. Es gibt kleine Levelend-Animationen in der Ingame-Grafik: Nach dem ersten Stadtabschnitt trifft Aladdin auf die verkleidete Jasmin. In der Schatzhöhle lernen wir den Teppich kennen und sehen dann, wie Aladdin die Lampe findet und Abu den Diamanten klaut, was logisch in das Flucht-Level überleitet. Aber der Höhepunkt der Erzählung ist für mich das entspannte Teppich-Level, das ohne Gegner auskommt und Aladdin und Jasmin beim Date im Flug über Agrabah zeigt und den romantischen Song aus dem Film erklingen lässt. Wie cool und progressiv ist das bitte? Ein Level ohne Gegner oder Herausforderung, das spielerisch einen romantischen, ruhigen Höhepunkt des Films darstellt und in einem Feuerwerk endet. 1993! Fantastisch. Am Ende des Spiels, nach dem finalen Boss, erfahren wir auch, was mit unseren Helden passiert. Jafar landet in der Lampe und Aladdin nutzt seinen letzten Wunsch, um Genie zu befreien – die Geschichte des Films wird befriedigend zu Ende erzählt.


Yes, Aladdin auf dem MegaDrive sieht besser aus und ist schöner animiert. Ach so, und Aladdin tötet alle mit einem Schwert – also ist es natürlich auch cooler und aufregender. Aber die SNES-Version ist auch nur im direkten Vergleich hässlich – für sich genommen ist es durchaus ein sehr hübsches Spiel. Vor allem aber ist Capcoms Aladdin in allen anderen Belangen Segas Variante deutlich überlegen: in Sachen Gameplay, Leveldesign, Polish und vor allem auch erzählerisch. Segas Aladdin ist kein schlechtes Spiel – ganz und gar nicht – eher so ein Mid-Tier-Spiel mit richtig tollen Animationen. Style over Substance.

Schreibe einen Kommentar