Review: Emio – Der lächelnde Mann: Famicom Detective Club (Switch)

Ich liebe übertrieben rätselhafte Kriminalfälle, die von exzentrisch ambitionierten Detektiven gelöst werden müssen. Mit wilden Motiven, einem Haufen seltsamer Verdächtiger und mysteriös überraschenden Wendungen. Aber ein Spiel, das mir das Gefühl gibt, den Fall wirklich selber zu lösen, habe ich noch nicht gefunden. Und während ich auf der Suche nach eben diesem neulich im Sale die beiden aktuellen Sherlock Holmes Spiele von Frogware geshoppt habe, musste ich an Emio denken, der hier schon ein bisschen länger rumliegt.

Ich habe schon eine ganze Menge Detektivspiele gespielt: Von den Frogware Sherlock Holmes-Spielen war bisher Crimes and Punishment das beste. Dort hat man nach dem Sammeln von Indizien und Beweisen in einem Mindpalace-Minigame Verknüpfungen erstellt und konnte dann logisch deduzieren, was wirklich passiert ist. Das war ganz cool, aber das Problem dabei: Mehrere Szenarien waren am Ende logisch möglich und das Spiel erklärte einem nach Beendigung des Falles nicht, wie es denn nun wirklich war. Wir haben doch den richtigen Typ gehängt, oder? Oder? Unbefriedigend.

Kein Feedback für den Spieler: Sherlock Holmes: Crimes and Punishment

Von The Centennial Case: A Shijima Story war ich sehr fasziniert – die FMVs waren funky und die Stimmung war irgendwie richtig nice. Aber hier hatte ich oft das Gefühl, die Antwort auf bestimmte Fragen zu wissen, fand aber keine Möglichkeit, es dem Spiel mitzuteilen. Das Spiel hat am Ende der Kapitel immer sehr fettnäpfchenmäßig ganz seltsame Dinge abgefragt, nur um dann schließlich doch meine Lösung zu präsentieren. Irgendwie gab es bei Centennial Case oft keine deduzierbare Gewissheit: Wenn eine Figur behauptet, sie kann nicht der Mörder sein, weil sie nicht schwer heben kann, dann würde ich das gerne überprüfen. Aber einen Attest als Beweis oder Aussagen der anderen Figuren, dass diese Figur wirklich nicht schwer heben kann, gab es nie. Kann doch easy gelogen sein. Also konnte ich die Figur nicht als Mörder ausschließen und den Fall nur nach Gefühl lösen. Auch unbefriedigend.

Das ultimative Detektivspiel ist wohl Shadow of Doubt, aber das ist so komplex und systemisch, dass ich es bis jetzt noch nicht hinbekommen habe, einen einzigen Fall zu lösen. Es ist so schwierig, am Tatort in Ruhe zu ermitteln oder an die Verdächtigen ranzukommen. Hier ist die Immersive Sim dem Detektivspiel im Weg. Erneut unbefriedigend, aber auch sehr cool – und ich will das noch mal in Ruhe probieren. Das ist für mich super faszinierend.

FMV Wahnsinn: Centennial Case
L.A. Noire: Gesichtsausdrucksraten
Ich bin zu dumm: Shadow of Doubt

L.A. Noire war ganz cool, aber am Ende auch nur ein Gesichtsausdruckbewertungssimulator – durch scharfes Nachdenken oder Beweise wurden die Fälle nicht gelöst. Return of the Obra Dinn und Case of the Golden Idol sind auf meiner Wishlist – physisch aber wahrscheinlich für immer unerschwinglich. Da warte ich eigentlich gerade auf einen digitalen Sale. Und Phoenix Wright muss ich noch mal in Ruhe spielen – ist das überhaupt ein Detektivspiel?

In meiner Fantasie sorgt das perfekte Detektivspiel dafür, dass ich das Gefühl habe, den Fall selbst zu lösen. Ich finde die Beweise, ich ziehe die Schlüsse, der Bösewicht wird gefasst. Das hat bis jetzt noch mit keinem Spiel so richtig geklappt – wahrscheinlich sind meine Ansprüche zu hoch.

Auf jeden Fall habe ich jetzt Emio – Der lächelnde Mann: Famicom Detective Club gespielt. Das ist ein 35 Jahre verspätetes Sequel einer nur in Japan erschienenen Visual-Detective-Novel-Serie. Auch hier stehen wir vor einem ambitionierten Fall und lösen das Geheimnis hinter einer Mordserie.

Ich finde, das Spiel fängt durchaus spannend und sehr stimmungsvoll an. Wir sind ein privater Ermittler, der von der Polizei zu einem Mord an einem Jugendlichen herangezogen wird. Der tote Schüler wurde erwürgt und hat eine Papiertüte mit einem aufgemalten Gesicht über den Kopf gestülpt – das Markenzeichen des Killers. Es gibt dazu eine urbane Legende in der japanischen Großstadt, in der der Plot stattfindet. Während der Ermittlungen lernt der Spieler einen charmanten Haufen NPCs kennen, mit deren Aussagen er sich durch die Ermittlung hangelt. Hier und da wechselt die Erzählung zur weiblichen Teampartnerin des Detektivs. Das Ganze sieht hübsch aus und ist Visual-Novel-typisch mit großen Charakterportraits gestaltet, die nur leicht animiert sind. Dazwischen gibt es aber auch immer Sequenzen, die etwas dynamischer inszeniert sind. Die gezeichneten Charaktere und Hintergründe kommen mir sehr detailliert vor. Das Setting ist herrlich japanisch und sehr stimmungsvoll umgesetzt. Das passt alles.

Sehr hübsch und stimmungsvoll

Das Spiel und damit auch die Lösung des Falles läuft komplett linear ab. Tatorte werden dabei nicht groß untersucht, das Hauptaugenmerk liegt in den Dialogen. Trifft ein Gesprächspartner eine Aussage mit Relevanz, erscheinen neue Menüpunkte und man hakt dann bei genau dem Thema weiter ein. Oder man schaut dem Gegenüber mal ins Gesicht oder zeigt ein Beweisstück. Hierbei muss man immer sehr, sehr viel in Menüs rumklicken. Frustrierend viel, denn oft sucht man dabei einfach den Menüpunkt, bei dem die Geschichte weiterläuft. Dabei trifft man dann immer wieder Menüpunkte, die gerade nichts bringen. Etwas weiter im Gespräch bringt dann der vorher nutzlose Menüpunkt den Fortschritt. Manchmal klappt das schön intuitiv, oft ist es einfach systematisches Durchklicken. Das ermüdet und hat mich am Ende genervt.

Menüs Menüs Menüs

Man hätte die Geschichte auch einfach direkt und damit vielleicht hier und da flüssiger erzählen können. Am Ende von Kapiteln gibt es ein Abfragequiz, das nochmal die wichtigen Punkte für die Story zusammenfasst, bei dem man aber auch nicht scheitern kann. Man kann sowieso nicht scheitern. Es bleibt also bei so einer Art Menüklick-Beschäftigungstherapie, die dafür sorgen soll, dass man das Gefühl hat, den Fall voranzutreiben. Spielerisch ist da einfach nicht viel da. Natürlich sind Auswahlmenüs für eine Visual Novel völlig normal – vor allem für ein Spiel, das sich auf eine 35 Jahre alte Spieleserie bezieht –, aber wie es hier gelöst ist, ist irgendwie frustrierend.

Denn die Story hat mir Spaß gemacht, hat mich mitfiebern lassen und ich habe immer wieder Vermutungen angestellt, wer der Mörder ist bzw. was sich hinter den Morden und der urbanen Legende des Massenmörders Emio verbirgt. Das Tempo war eher langsam, zog aber immer wieder mal an. Handlungsstränge, die liegen gelassen wurden, wurden immer wieder eingesammelt, und das war dann oft elegant und befriedigend. Die Story erzählt sich also sehr gut – da hat es genervt, gerade nicht zu wissen, wie es weitergeht, nur weil ich gerade nicht den richtigen Menüpunkt finde. Das hat oft den Flow gekillt. Trotzdem war das Spiel stellenweise sehr stimmungsvoll und spannend. Und es gab vor allem auch zwei, drei Momente, in denen ich etwas kurz vor dem Hauptcharakter kapiert habe, dieser dann den gleichen Schluss gezogen und dementsprechend gehandelt hat. Das war vom Spiel gewollt, hat sich aber sehr befriedigend angefühlt. In diesen Momenten hat das Spiel womöglich genau das gemacht, was ich in einem Detektivspiel suche: Ich habe ein Rätsel gelöst und wurde danach direkt dafür belohnt. Die Charaktere im Spiel fand ich gelungen – es gab zwar auch den ein oder anderen albern überzogenen Charakter, den man in japanischen Medien gerne mal findet, aber hier war er nicht – wie sonst so oft – so stark übertrieben, dass ich ihn und die Handlung als Ganzes nicht mehr hätte ernst nehmen können (Grüße an Steins;Gate). Den Schluss des Spiels empfand ich als sehr zufriedenstellend, die Lösung des Falls gelungen.

Ist Emio ein Spiel, das mir das Gefühl gibt, den Fall selbst zu lösen? Eher nein. Klar, es gab diese coolen Momente, aber es waren zu wenige und auch nicht der Fokus des Spiels. Ist das Spiel eine spannende Visual Novel mit übertriebenem rätselhaften Kriminalfall, der von ambitionierten Detektiven gelöst werden muss? Mit wilden Motiven, einem Haufen seltsamer Verdächtiger und mysteriös überraschenden Wendungen? Auf jeden Fall! Nervt die Menünavigation? Absolut. Hat es mir trotzdem Spaß gemacht? Meistens ja. Würde ich es weiterempfehlen? Ja, an Fans von Visual Novels oder Detektivgeschichten. Aber diese Art von Nerds haben das Spiel sicherlich schon längst gespielt.

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