Der große Hype für die PC Engine ist gefühlt vorbei. Es gab da neulich noch ein letztes Aufbäumen mit den Mini-Konsolen, die es aber nicht bis in hiesige Gefilde geschafft haben. Die Konsole ist immer noch legendär, aber jetzt stehen halt – wie es üblich scheint – spätere Konsolengenerationen im Fokus der Sammler. Wer in seiner Kindheit Berührungspunkte mit der Konsole hatte, hat sich eben schon an ihr abgearbeitet. Den Zeitgenossen – SNES und Mega Drive – geht es ja ähnlich. Gerade geben N64 und PS2 ganz langsam den Staffelstab an Wii und Xbox 360 weiter – was in meinen Ohren super seltsam klingt.
Die PC Engine tummelt sich für mich in der Gruppe der Exoten – zu der auch irgendwie Saturn, Dreamcast und vielleicht sogar der GameCube gehören: sehr interessante Konsolen mit coolen Spielen, die sich in Deutschland aber nicht gut verkauft haben. Im Falle der PC Engine gar nicht – denn anders als in UK und Spanien kam sie gar nicht erst auf den deutschen Markt.
Der ganz große Erfolg für die PC Engine blieb – außer in Japan, wo sie lange dem NES/Famicom große Marktanteile abkämpfte – aus. Ich kenne die PC Engine nur aus deutschen Magazinen wie der Video Games, in der die Konsole immer ein bisschen gehypt wurde. Für mich wurde sie in dieser Zeit zu einer mythischen Konsole mit großartiger Pixelgrafik und einer großen Spiele-Bibliothek, die zu 85% aus Shmups besteht. Ähnlich war es mit dem Neo Geo – da waren es die Fighting Games. Aber das NEO Geo konnte ich als Teenager bei Kollegen und im England-Urlaub in der Arcade zumindest mal ausprobieren – bevor ich mir irgendwann man ein MVS-Board geshoppt habe. Die Engine ist mir bist jetzt aber immer entgangen.
Ich hatte mein Auge immer mal wieder auf PC-Engine-Angeboten bei eBay, der Finger schwebte zuckend über dem „Kaufen“-Button, aber irgendwie waren die mir immer ein bisschen zu teuer und dadurch nicht so superinteressant.

100–130 € sind jetzt für eine Konsole nicht wirklich viel, aber irgendwie hatte ich das Gefühl, dass ich die Konsole nicht unbedingt rauf und runter zocken würde. Eher mal so hier und da, als Kuriosum. Als Sammelgebiet war und ist sie für mich auch nicht interessant. Trotzdem hätte ich gerne eine.
Als ich 2016 in Japan Urlaub machte, habe ich mir aber lieber ein Neo Geo-Joyboard und ein paar Game Boy-Spiele mitgebracht – aber da gab es die PC Engine wirklich sehr günstig. Ich habe es immer ein bisschen bereut keine mitgenommen zu haben.
Dann kündigte mein Neffe Anfang des Jahres an, er würde mit seinen Jungs im Sommer nach Japan reisen und fragte, ob ich nicht etwas mitgebracht haben wolle. Sie würden eh in den Retro-Game-Läden rumgucken, weil man das ja anscheinend so macht – und er kenne ja mein seltsames Hobby, also könnte er mir auch etwas mitbringen. Als ich damals nach Japan flog, war Super Potatoe bei den Cracks schon verpöhnt und der Sammler von Welt ging lieber zu Mandarake. Ich fand Potatoe damals super, japanische Games habe ich aber eh nie gesammelt.
Mein Neffe ist Anfang 20 und, wenn überhaupt, ein PC-Spieler. Umso nicer, dass er sich so viel Mühe gab, mir etwas Cooles mitzubringen. Und so erreichten mich dann im Mai immer wieder Fotos von Dingen in den typischen Retro-Läden: Stapel von Dreamcasts oder Mega Drives, Spiele in Folie vom Boden bis zur Decke. Aber auf keinem der Fotos fand ich eine PC Engine. Sind die wirklich so selten geworden? Es folgten Bilder aus Tokio, Osaka, Hiroshima – nix. Bis es dem Neffen schließlich in Kobe, in einem kleinen Retroshop, mit Hilfe eines Mitarbeiters gelang, das Gesuchte zu finden.

Ich kann mir nicht vorstellen, dass die Konsole so selten ist – ich denke, der Neffe hat die kleine Konsole einfach übersehen. 10.000 Yen – zu dem Zeitpunkt 53,17 € – klingen jetzt auch nicht nach seltener Hardware. Aber das klingt nach weniger als die Hälfte von vergleichbaren Angeboten auf eBay in Deutschland. Ich habe dann sehr schnell sehr oft „jaaa“ und „kaufen jetzt“ per Chat nach Japan geschickt.
Ein paar Wochen später gab es eine feierliche Übergabe in der Heimat, und noch etwas später hatte ich das Gerät dann endlich in Hamburg auf dem Tisch. Mit der ganzen Aktion hat sich der Neffe auf jeden Fall in den Olymp der besten Familienmitglieder katapultiert – zumindest für dieses Jahr. Er selbst hat sich eine Switch gekauft – vielleicht kriegt er ja noch die Kurve.
Ein Netzteil war nicht dabei – aber ein japanisches Netzteil wäre hier in Deutschland eh keine gute Option. In Japan gibts nur 100 Volt im Netz, und für das deutsche Netz mit 230 V bräuchte es einen Stepdown-Adapter. Quasi ein Netzteil vor dem Netzteil. Die Konsole braucht aber einfach 9 V, und ein normales deutsches Universalnetzteil habe ich hier – sollte also klappen. Trotzdem fehlte mir noch ein bisschen Hardware, um die Konsole in meinem Setup schön zum Laufen zu bekommen – oder erstmal zu schauen, ob sie überhaupt läuft, denn eine Indikator-LED gibts dafür auch nicht.
Die Konsole an sich gibt von Haus aus erstmal nur RF aus – also ein altes Antennensignal, und das will man ja gar nicht. Schlechter kann ein Videosignal eigentlich nicht sein. Ich habe auch gar kein Display oder Gerät, das mit dem Antennensignal klarkäme. Vielleicht der alte Videorekorder im Keller, aber was wäre das für ein Setup bitte? Die PC Engine hat aber hinten einen Expansion-Port. Da kann man das erste CD-System der Konsolengeschichte anschließen – oder ein RGB-Output-Board, was dann die Anschlussprobleme löst.

Ich habe meins bei AliExpress für rund 20 Euro gekauft. Dazu brauchte es dann noch ein Mega-Drive-2-RGB-SCART-Kabel, und wir sind ready.

Fast, es fehlt noch die Software – die Games. Während ich auf die Konsole gewartet habe, habe ich dann mal recherchiert, welche Spiele ich spielen will, habe Preise abgecheckt und festgestellt: Die Preise für die Spiele sind schon sehr happig – vor allem für die guten. Also gut, dann wird es eine Multicard, ein Everdrive-Klon – auch von AliExpress.
Es ist auch ein bisschen ironisch: Es gibt womöglich eine Raubkopie des Everdrive, einer Hardware, um damit womöglich Raubkopien zu spielen. Alles ganz hypothetisch natürlich.
Ich würde sagen, der Everdrive-Klon ist erst mal nur zum Ausprobieren – denn falls ich jemals zu viel Geld übrig habe, würde ich gerne ein Turbo EverDrive PRO kaufen und auch in den Genuss von CD-Spielen kommen. Alternativ würde es natürlich auch ein Super HD System3 PRO tun.


Aber irgendwie kriege ich das gerade noch nicht im Kopf zusammen: Das Turbo EverDrive Pro kostet 250 Euro – also doppelt so viel, wie ich bisher für die Konsole, den RGB-Adapter, den Everdrive-Klon und das Kabel bezahlt habe. Gut, das ist dann wahrscheinlich auch das Letzte, was man für die Engine ausgibt. Und dann könnte ich Ys I & II und Castlevania: Rondo of Blood endlich mal spielen. Aber Rondo und Ys gibt’s auch digital auf den Konsolen und bei Steam.

Jetzt ist sie auf jeden Fall da und läuft in meinem Setup. Ich finde ja, die PC-Engine mit ihrem winzigen Formfaktor, dem Weiß und den ins Gehäuse eingelassenen Texten und Details ist wirklich sehr hübsch. Auf lange Sicht muss ich wohl noch mal in einen größeren SCART-Switch investieren, denn aktuell hat sie jetzt erst mal die Xbox aus ihrem Port gekickt – und die hat das ja auch nicht unbedingt verdient.

Was mir als Erstes aufgefallen ist, ist der krachende Sound – die Konsole klingt irgendwie genial. So wie NES, SNES, Mega Drive und Co. dank der so unterschiedlichen Soundhardware ganz charakteristische Klangidentitäten haben, hat auch die PC-Engine ihre eigene Soundwelt, und die wirkt zwar nicht so brillant wie bei den großen Nachfolgern, ballert aber mit dröhnenden Bässen und knarzenden Synthies. Cool.

Und für eine 8-Bit-Maschine – die zwar mit einem Fuß ein bisschen in der 16-Bit-Welt steckt – pusht die ganz schön viele Sprites und Hintergrundparallaxen. Da kann kein NES mithalten. Jetzt muss ich aber erst mal die Zeit finden, um in Ruhe herauszufinden, welche Games – neben den großen Shmup-Titeln – herausragen. Aber vorher sollte ich mal die Caps tauschen, ein passendes Kit habe ich schon hier liegen.

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