Fragt man Videospielredakteure, YouTube-Top10-Listen-Ersteller oder ChatGPT welches japanische Rollenspiel man denn so gespielt haben sollte, taucht im oberen Bereich der Antworten immer wieder Chrono Trigger auf.
Nun – neulich hatte ich Lust, Chrono Trigger zu Ende zu spielen. „Zu Ende“, weil ich es vor vielleicht 20 Jahren mal angespielt hatte. Damals als Student hatte ich mir einen Super Nintendo Emulator und einfach alle ROMs der Welt runtergeladen und dann während der Semesterferien mal alles mögliche SNES-Titel angespielt. Eben auch Chrono Trigger. Ich weiß, dass ich das Spiel cool fand. Aber ich weiß nicht mehr, warum ich es nicht zu Ende gespielt habe. Drogen vielleicht?
- Name: Chrono Trigger
- Publisher: Square
- System: SNES
- Erscheinungsjahr: 1995
- Genre: JRPG
Und weil ich als gereifter Erwachsener mit stetem Einkommen zum Liebhaber alter Spiele auf originaler Hardware geworden bin, habe ich mal geschaut, ob ich es nicht in irgendeiner Version kaufen kann.
Mir war klar, das das Super Nintendo Original nur in Asien und den USA erschienen ist. Die japanische Version ist echt günstig, aber Japanisch kann ich nicht. Der Klassikerstatus des Spiels hat die Preise der US Version in so exorbitante Höhen getrieben, dass ich mir dass mit gutem Gewissen nicht leisten kann. Hinzu kämen dann noch PAL-Hans-Probleme mit Adapter-Gehussel und so.

Meine Hoffnung lag auf einer der zwei anderen Versionen.
Die Playstation Version – im Doppelpack mit Final Fanatsy IV – ist auch nur als NTSC-Variante erschienen. Die ist aber erschwinglicher: 35 Euro plus 30 Euro Versand und dann wahrscheinlich noch mal ein paar Euro für die Mehrwertsteuer beim Zoll. Also vielleicht insgesamt 70 Euro. Finde ich immer noch happig aber schon machbar. Ich müsste im Keller nach der gechippten PS1 suchen und hoffen, dass sie noch läuft. Aber die Playstation Variante ist legendär für Ihre übertriebenen Ladezeiten – und das ist dann irgendwie bei dem Preis dann doch der Dealbreaker.
Schließlich gibts noch die NintendoDS-Version. Ist wohl eine tiptop Version. Aber auf Handhelds haben meine alten Augen gar keinen Bock mehr – und auf den Preis auch nicht. Mein Augen mögen moderate Preise.

Ok, zur Not dann digital. Aber keiner der Konsolen-Shops hat Chrono Trigger und Steam ist für mich keine Option. Außerdem würde ich das Spiel sehr gerne auf meiner Röhre-Spielen – denn dafür wurde es gemacht.
Aber es gibt das Spiel dennoch zu einem attraktiven Preis – als Reproduktion in PAL und Englisch aus China. 23,50 € für ein loses Modul. Solche und ähnliche Angebote tauchen bei meiner Recherche auf eBay immer wieder auf.
Die Tatsache, dass es sich um eine Reproduktion handelt, wird in solchen Angeboten gern so gut es geht verschwiegen. Unten in der Beschreibung steht dann kurz „Repro“ – in der Hoffnung, dass Leute darauf reinfallen. Auch deswegen mag ich Reproduktionen eigentlich nicht. Eigentlich will ich die gar nicht haben.
Wenn ich mich also für eine Reproduktion entscheide, müsste sie möglichst billig sein, damit man sofort erkennt, dass es eine Reproduktion ist. Dann schadet es dem Sammel-Hobby nicht, gehört nicht so richtig in die eigentliche Sammlung, ist eher ein Experiment – und natürlich nicht bei den oben beschriebenen Abzockern kaufen.
Und mit diesen Gedanken habe ich mein Sammlergewissen irgendwie genau so lange überlistet, wie es brauchte, um eine Chrono-Trigger-Replik komplett mit Box direkt bei AliExpress für 18,42 € inklusive Mehrwertsteuer und Versand für 1,68 Euro zu kaufen. Es ging so schnell, dass ich nicht mal gemerkt habe, dass es das Spiel auch ohne Box noch günstiger gab. Stolz bin ich nicht.

Jetzt wird es Wochen dauern bis ich die Früchte meiner Schwäche in Händen halte – dachte ich. Aber dann war es binnen weniger Tage da.

Mein erster Eindruck war: „Wow.“ Die Box kam in einem Box-Protector – was ich ironisch finde – und sieht auf den ersten Blick richtig gut aus. Ich habe in meiner Sammlung keine einzige Nintendo-Box und kann nicht vergleichen, aber der Druck ist sauber und die Box tiptop gefalzt. Leider auch auf der Rückseite, was dem Versand geschuldet ist. Aber egal, es ist ja nur eine Repro-Box.
Irgendwie ist sie sehr matt und samtig. Ich denke und soweit ich mich erinnere, sind die original Boxen auf Hochglanz-Pappe gedruckt. Die Crew aus China hat hier wohl das Artwork der japanischen Version in das Standarddesign der PAL-Boxen gewurschtelt. Es wirkt ein bisschen gedrängt und unrund, aber völlig okay.

Bei genauerem Hinsehen offenbaren sich dann doch ein paar Kuriositäten. Zum Beispiel das Nintendo-Logo: Wer hat das denn so seltsam spationiert nachgebaut? Man erkennt auch deutlich, dass das Logo aus einer Bilddatei mit zu geringer Auflösung stammt – statt aus einer Vektordatei. Das sieht schon von weitem falsch aus. Und man muss ja jetzt nicht lange suchen, um eine gute Vorlage zu finden.
Auch die „PAL Version“-Typo zeigt, dass der Hersteller wohl nicht ganz so firm mit dem römischen Alphabet ist und wie man es setzt. Aber hey – sogar die Screenshots auf der Rückseite sind ganz gut erkennbar. Ich vermute digitalen Druck. Vorlage für diese Box war wohl eine australische PAL-Box. Den Modulcode auf der Lasche haben sie ein bisschen umgemodelt. Aber ein nettes Detail.

Die Inlaybox finde ich furchtbar, da erinnere ich mich an deutlich bessere Originale in meiner Jugend. Gefühlt ist hier die Pappe zu dick und das Faltmuster scheint nicht aufzugehen. Das Modul sitzt in einem Zipbag, die original Spiele hatten immer nur ein Tütchen ohne Verschluss.

Am Modul aber erkennt man direkt, dass es sich um eine billige Kopie handelt. Das Plastik hat nicht ganz die richtige Farbe, wirkt billig, die feine Struktur auf dem Plastik fehlt und das Modul ist einen Tick zu leicht. Vor allem von oben sieht man die schlechte Verarbeitung. Leicht schief, zu große Spalten und dann kein Spalt wo die Modulhälften zusammentreffen. Das Label zeigt das US Artwork und glänzt als gäbe es kein Morgen. Was man an Glanz an der Box gespart hat, hat man hier oben drauf gegeben. Das Label sitzt auch nicht so satt in seiner Niesche wie bei den original Modulen. Und der Kühlergrill unter dem Label wirkt im Vergleich zu einem original Modul sehr grob. Hier reicht ein Blick um das Spiel als Kopie zu entlarven.

Ich schraube an den autenthisch wirkenden Schrauben und bin bei dem Blick auf die Platine positiv überrascht. Nicht das ich viel davon verstehe, aber das Board sieht sauber aus. Die Batterie sitzt in einem eingelötetem Halter und wird nicht krude mit Heißkleber gehalten. Da ist auch kein schwarzer Blob auf lichtempfindlichen Chips wie sie früher in den Chinaklonen immer verbaut waren. Das sieht nach profesioneller Serienproduktion aus und die Module werden wahrscheinlich über den zweiten Connector bespielt – also nehme ich an.

Aber das wichtigste ist: das Spiel läuft. Es geht ein bisschen schwerer in den Modulschacht als ein abgenudeltes Original aber startet beim ersten Versuch und scheint tatsächlich das komplette Spiel zu enthalten. Ob das Spiel zuverlässig läuft, sich ohne Probleme durchspielen läßt und auch auf lange Sicht noch speichert wird sich zeigen.
Würde ich noch mal so eine Reproduktion kaufen? Keine Ahnung. Ich habe mir keine vom Original nicht zu unterscheidende Kopie erwartet und bin dementsprechend auch nicht enttäuscht. Ich bin sogar happy das es ein wenig crappy ist. So ist das Spiel direkt als Fälschung zu erkennen und führt in der Zukunft nicht zu dummen Situationen. Die Box brauche ich nicht um glücklich zu sein – die ist ja eh mehr ein Kuriosum. Ich kann mir vorstellen in Zukunft eine Kopie des Spiel digital zu kaufen um mein schlechtes Gewissen gegenüber den Multimilliarden Dollar Konzernen Nintendo und Square zu entlasten. Also wenn es dann mal irgendwann zu kaufen ist.
Die wichtigste Erkenntnis ist aber, wie viel Betrug und Abzocke mit Repro-Retro-Spielen auf eBay betrieben wird.

Es gibt gar nicht wenige Auktionen die bei über 100 Euro – für genau die Reproduktion die ich für unter 20 Euro gekauft habe – landen und eben gar nicht erwähnen, dass es sich um eine billige Raubkopie handelt. Natürlich sollte jeder ambitionierte Retrospieler erkennen, dass das ja nur eine Kopie sein kann. Aber erkennt das wirklich jeder oder ist das nur meine Perspektive aus 35 Jahren Videospielerfahrung. Who knows?

Chrono Trigger ist so eines der ewigen Klassiker-Games. Darum ist es übertrieben schade, dass es legal nur mit viel monetärem Aufwand und digital auf so wenig Platformen zu spielen ist. Eigentlich sollte man doch ein bisschen Reibach mit einem schicken Re-Release machen könne. Und Reibach ist doch genau das, was die großen Gameing Konzerne so lieben. Es wird uns doch sonst auch alles immer wieder neu oder als Remake oder Remaster verkauft.
Um es auf echter 16-Bit-Hardware spielen zu können bleibt das Plagiat in meien Augen eine legitime Lösung. Eine andere Möglichkeit wäre natürlich ein Everdrive-Modul. Ob diese Varianten dann in 50 Hertz ein Genuss werden, wird sich zeigen. Bei einem Rundenbasiertem JRPG sollte das schon ok sein.
Was ich gekauft habe ist in jeden Fall weniger eine Reproduktion sondern mehr eine billige Kopie – und ich probier die jetzt mal aus.



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