Review: Sheepo (Switch)

Normalerweise liegen die Spiele bei mir eine Zeit auf dem Haufen und reifen, bis ich sie spiele. Wie Der kühnen Knappen habe ich Sheepo aber nicht einfach liegen lassen können. Ich wollte es direkt zocken. Vor allem, weil ich schon eine Vorbestellung für das dritte Kyle-Thompson-Spiel Crypt Custodian getätigt hatte und irgendwie wollte, dass ich mich nicht zwischen den beiden Titeln entscheiden muss. Ja, auch mir erscheint das im Nachhinein ein wenig dumm.

Nach Islets bin ich ja irgendwie ein Kyle-Thompson-Fanboy. Es ist schwer zu sagen, wieso mir die Spiele so gut gefallen – ich denke, es ist der entspannt-skurrile Vibe, der über eine kompetent gemachte Variante eines meiner Lieblingsgenres gestülpt wird. Und so hat mir auch Thompsons Erstlingswerk Sheepo wirklich gut gefallen. Es trifft auch wirklich in diese gleiche Islets-Nische, die sich so schwer beschreiben lässt:

Sheepo – nach seiner Hauptfigur benannt – ist ein Metroidvania, ein 2D-Platformer in einer relativ offenen Welt, und checkt auch so ziemlich alle Boxen, was das Genre angeht. Aber hier wird nicht gekämpft – der spielerische Fokus liegt auf dem Platforming, und das geht dank der tollen Steuerung wunderbar flüssig von der Hand. Und obwohl nicht gekämpft wird, gibt es ein paar Boss-Monster, die durch geschicktes Platforming besiegt werden müssen. Nach jedem Boss gibt’s dann die typischen Upgrades, in diesem Falle Tiertransformationen.

Diese Verwandlungen erweitern so unser Move-Arsenal: Man springt, fliegt und gräbt sich in enormem Tempo durch die Welt, und die Bewegungsabläufe sind dank der Entscheidung, dass man an bestimmten Stellen – um zum Beispiel eine Transformation zu starten – nicht 100 % genau sein muss, eine Freude. Momentum ist King, der Flutschfaktor grandios. Wirklich überaus befriedigend!

Das Leveldesign ist sehr gut. Die durch die gesammelten Fähigkeiten ermöglichten neuen Wege bringen die unterschiedlichen Bereiche der Level fast schon Dark-Souls-mäßig näher zusammen. Exploration wird großgeschrieben und ist sehr befriedigend. Verschiedene Levelelemente in den verschiedenen Biomen sorgen für Abwechslung. Die Platforming-Herausforderungen sind schwierig genug, aber immer fair. Man sammelt Federn als Währung, kann aber gar nicht so viel kaufen. Es stört aber, wenn man eine Feder findet und dann stirbt. Dann ist die Feder wieder weg, weil man nicht am Checkpoint gespeichert hat. Und dann macht man’s halt direkt noch mal. Hier fände ich ein bisschen mehr Kulanz angebracht.

Der grafische Stil des Spiels ist sehr eigenständig und sehr Kyle-Thompson-mäßig. Hier wird mit relativ wenig grafischem Aufwand viel Style erreicht: hübsche Hintergrundparallaxen, abwechslungsreiche Biome mit sehr souveränen Farbpaletten, viele kleine animierte Details und ein gutes UI, um alle Bumper oder Verwandlungstiere im schnellen Tempo lesbar zu machen. Aber immer in diesem leicht naiven, fast gemalt wirkenden niedlichen Stil. Die Musik vom anderen Thompson-Bruder zahlt auf die Grafik und das Gameplay ein und begleitet gekonnt das Geschehen.

Die Story ist banal – Sheepo soll die Tiere auf diesem Planeten katalogisieren – aber sie öffnet die Bühne für das, was Thompson anscheinend am besten kann: diesen melancholisch-humorvollen und entspannten Vibe, der auf mich so eigenwillig frisch wirkt. Und wie schon in Islets gibt es schräge Charaktere.

Mein liebster Charakter ist ein Vogel, der eine archäologische Sammlung betreut – man kommt in eine Höhle unter der Erde, und da ist eine lange Reihe riesiger Gebeine. Und da ist dieser Vogel. Er rutscht in seinem Bürostuhl hinter mir her, ohne jemals aufzustehen, versucht mir zu erklären, wie toll die Knochen sind, und erzählt mir dann, er hätte lange Beine. Renne ich davon, kommt er nach einiger Zeit hinterhergeschliddert. Die Figur ist so herrlich skurril.

Und es gibt mehrere solcher skurriler Charaktere. Solche Momente wirken wie eine Episode von etwas Größerem – ohne dass es unfertig oder nicht abgeschlossen erscheinen würde. Die Welt wirkt lebendig, die Figuren und ihre Erzählung haben Leichtigkeit und brauchen kaum Exposition, um zu wirken. Die Dinge müssen nicht explizit Sinn machen, um Sinn zu ergeben – das ist alles sehr unterhaltsam und auch ein bisschen albern.

Sheepos größte Fehler ist in meinen Augen die fehlende Dringlichkeit. Der relaxte Vibe und die chillige Musik- und Soundkulisse sorgen für eine sehr angenehm entspannte Spielerfahrung. Den Antrieb, die Welt und ihre Figuren zu entdecken, muss der Spieler aber autark aufbringen – das Spiel ist aber auch nicht sauer, wenn man aus diesem Grund mal einen Abend aussetzt. Mir hat Sheepo großen Spaß gemacht.

Ich denke, mit Sheepo ist es ein bisschen wie mit Lakritz – nicht jedermanns Geschmack, aber die, die es mögen, schwören drauf.

Kommentare

2 Kommentare zu „Review: Sheepo (Switch)“

  1. […] es geht mal wieder um Kyle Thompson – sorry. Ich habe mich ja mit Islets und Sheepo ein bisschen in die Art, wie dieser Entwickler Spiele entwickelt, verliebt. Jetzt ist auch sein […]

  2. […] Auch zu Sheepo habe ich hier schon viel geschrieben. […]

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